The Afghan Coat – Der Afghanische Mantel

Während eines Schreibkurses in New York City begann ich Ende 2011 ein kurzes Textprojekt in Form einer Novelle (17.000 Worte) auf Englisch. The Afghan Coat habe ich mit eigenen Illustrationen auf der Selfpublishing-Plattform Blurb (und testweise über KDP, hier auch eine sehr positive Rezension vom Dezember 2011) veröffentlicht. Der englische Klappentext lautet:

"The Afghan Coat is a novella (short novel) based on a true story and illustrated with nine photographs and a map by the author. Kabul 1916. A young man sets out as courier on a crucial mission. He travels in the Afghan Emir’s Rolls Royce, climbs a smuggling path along the Khyber Pass, meets brave Pashtuns and ferocious warlords, follows the flooded Indus River – Punjab CID closely on his heels. All Abdul Haq has to deliver is the Afghan coat he wears, risking his life more than once for it.
The Afghan Coat is set in England, Afghanistan, India and Malta. Authentic Abdul Haq starts as the key figure of a large scale conspiracy and ends up as plaything in a game far greater than he ever imagined. The description of a single fate against the backdrop of World War I shines a light on times when clandestine actions at the frontier of Afghanistan and today’s Pakistan almost changed the course of history and shaped the conflicts to come."


Der Anfang des von mir 2012 ins Deutsche rückübersetzten Texts:

Der Afghanische Mantel

Prolog

London, Großbritannien, 1971

Der afghanische Mantel wog schwer auf Claires Schulter. Er steckte eng zusammengerollt in einem schwarzen Müllsack, das zugeknotete Ende hielt sie mit beiden Fäusten gepackt. Ihre Handflächen schwitzten. Das Ding stinkt auch noch durch den Sack, dachte sie. Und die Leute starren mich an, als ob ich eine Leiche durch die Gegend trage... Claire ging gebeugt die steilen Stufen hoch zur Circle Line, ganz nah am Geländer entlang. Der nächste, zum Glück fast leere Zug brachte sie zurück nach Notting Hill, zu ihrem Laden mit dem großen Schaufenster in dem weinrot gestrichenen Ziegelhaus an der Portobello Road. Vor zwanzig Jahren war hier eine Metzgerei gewesen. Der süßliche Fleischgeruch kam an heißen Sommertagen noch durch, aber dagegen gab es Räucherstäbchen, die Claire dann bündelweise anzündete. Seit drei Monaten konnte sie davon leben, hier auf der hippsten Straße Londons Vintagemode und Silberschmuck aus Indien zu verkaufen.

Den ganzen Samstagmorgen war Claire auf dem Brick Lane Flohmarkt herumgestreift. Ihre schlanke Gestalt funkelte zwischen den rußgeschwärzten Ziegelbauten des East Ends; sie liebte die kleinen runden, auf ihre indische Weste gestickten Spiegel. Grüne Stoffbänder leuchteten aus ihrem mit Henna gefärbten Haar. Claires  Augen huschten im Vorbeigehen über die wackeligen Campingtische und löchrigen Wolldecken auf den Gehwegen, immer auf der Jagd nach neuer Ware für ihren Laden. Das Geschäft ging so gut, weil sie dort oben in Notting Hill fast das Vierfache von dem verlangen konnte, was sie den oft bettelarmen Einwanderern aus den ehemaligen Kronkolonien auf dem Flohmarkt bezahlte.

Der afghanische Mantel war Claire sofort aufgefallen, als sie in die Bell Lane einbog. Um nicht allzu großes Interesse zu zeigen, ging sie an dem etwa siebzig Jahre alten Mann vorbei, der den Mantel gerade auf dem Asphalt voller Ölflecken und Kaugummis ausbreitete. Neben ihm stand ein Plastikeimer voller grünspaniger Schiffsbeschläge und ein verbeultes Militärfunkgerät. Claire konnte nicht sagen, ob der Kahlkopf mit den kurzen krummen Beinen Araber oder Süditaliener war. Als Claire nach ein paar Minuten wieder wie zufällig vorbeikam, sprach er sie an.

“Der Mantel kommt aus Malta, so wie ich. Zwanzig Pfund Sterling”, sagte er, ihre gierigen Blicke und Gedanken lesend.

Claire hob den bunt bestickten Ledermantel mit spitzen Fingern hoch, legte den Kopf leicht auf die Seite, zog die linke Augenbraue hoch und täuschte Abscheu vor. “Der riecht wie aus einer Gruft. Und hier innen fehlt ein großes Stück Fell. Für zwanzig Pfund kann ich zehn davon in Kabul kaufen. Neue, natürlich.”

Sie betastete dabei das Leder an der Stelle, wo das Innenfell in der Größe eines gefalteten Taschentuchs mehr ausgerupft als abrasiert worden war.

“Weiß nicht, wer das gemacht hat. Sieht man aber nicht, wenn du den Mantel anhast,” grummelte der Malteser und nahm eine fast militärische Haltung an. “Ich habe zwei Weltkriege überlebt und dazu euch Engländer auf meiner Insel. Die Marine eurer Majestät hat mir immer weniger gezahlt, also habe ich mir den Mantel aus dem Magazin geholt, als ich nach London musste, um meine Schwester zu pflegen. Den Lappen wollte keiner mehr haben, der lag über fünfzig Jahren im Fort herum.”

“Verstehe”, sagte Claire abwesend. Ihr war gerade billiges Rosenöl in die Nase gestiegen, das der Malteser wohl in den Mantel gerieben hatte, um den Gestank nach Keller, Waffenschmiere und Kloake zu überdecken. Am unteren Saum waren rotbraune Flecken. Aber unter den Schmutzschichten von Jahrzehnten erkannte Claire den prachtvollsten afghanischen Mantel, den sie je gesehen hatte. Er war über die ganze Länge der Ärmel, auf Brust und Rücken mit einem Muster aus roten Spiralen, grünen Ranken und schwarzen Zickzacklinien bestickt. Ich kann ihn reinigen lassen, dann bleichen, dachte sie und entschied sich, zu kaufen. Der Preis pendelte sich nach zähem Widerstand des Maltesers bei sechzehn Pfund ein.

Fort St. Angelo, Malta, Ende Mai 1916

Abdul Haq lag eingerollt wie ein verprügelter Hund auf dem Steinboden seiner Zelle. Seine Augen folgten den Stahlkörpern der Schiffe, die im ersten Morgenlicht an einem kopfgroßen Atemloch unten in der Wand vorbeizogen. Der Kerker war im Mittelalter aus dem gelben Sandsteinfelsen unterhalb von Fort St. Angelo geschlagen worden. Wie ein steinerner Bug ragte die Festung in das Becken des Grand Harbour von Valletta hinein. Die britischen Kreuzer und Truppentransporter glitten von stampfenden Schleppern gezogen vorbei, weit in die tiefe Bucht des Hafens hinein, hin zu den gut geschützten Anlegern und Reparaturdocks. Seemöwen umkreisten die vom Rauch der Dampfmaschinen tiefschwarzen Signalmasten und Ausgucke der Schiffe und schrien ihren Hunger über das tiefblaue Wasser, Mehlschwalben schossen an den Mauerquadern der Festung entlang.

Werden die mich hier unten verrecken lassen? Ist das Allahs Strafe für meinen großen Fehler? fragte sich der jungen Inder wieder und wieder. In seinem Hungerdelirium glaubte Abdul, die roten Backen und Schnurrbärte der Briten in den Bullaugen der vorbeiziehenden Schiffskolosse zu erkennen.

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