Übersetzung des Librettos einer Musik-Perfomance für das Musik 21 Festival Niedersachsen 2011. Der deutsche Text steht in angeglichenem Schriftsatz unter dem Französischen. 

Darunter ein Vermerk zu einem von mir aus dem Französischen übersetzten Interviewband mit dem Künstler Pierre Huyghe 2012.

 

 

 

 Aschenes

I-Prolog

Es war ein Mann, der erhielt einen prächtigen Schopf, damals. Ihr lebhaftes Haar bot ihm seine Geliebte dar. Das Tauwerk seines Schiffs flocht der Mann aus goldgelben Strähnen. Er lief auf Grundeis im offenen Meer. Seine Glieder mit dem Meergrass verwoben, endlos von Ebbe und Flut gehoben. Seitdem wogt das Haar, Locken der Sirenen.

II- Andante affanoso

Schwestern
meine Schwestern
Oh mein Blut
gebt her euer Haar
gebt eure goldene Pracht
greift zur Schere, schneidet ab eure aschene Pracht

Etwas erlischt


sind ermattet

bleibt noch lange vor Augen bei geschlossenem Lid
- einst flatternd -

sind ermattet / sieben junger Mädchen Haar
ganz blau gefleckt
schillernd
blutend

einsame Spur

Oh
greift zur Schere, schneidet ab eure aschene Pracht
sie weinen

Licht ohne Glut
diese ockrigen Lichter / milchmattes Licht erstickt den Himmel

gebt eure goldene Pracht
ophelien
gebt her euer Haar
schillernd
ganz blau gefleckt
blutend

verstummt sind die Psalme
der Himmel bleicht aus, unterm Lid
erlischt etwas von

den Fluten verbleut treibt Schmuck wie Asche gestreut
blaue
Oh
sie weinen
Ophelien
ertrunken im Haarmeer
ertrunken in goldener Pracht
von den Fluten verbleut treibt Schmuck wie Asche gestreut

verebbt im Mund die Wellen
ohne Kraft

Schönheiten
ihr stillen
ganz befleckt

das Blut schwindet aus den Wellen
läßt die Glieder eben treiben
mit dem Meergras verwoben

sind ermattet, ermattet / sieben Schwestern sieben Schmerzen

quartzharte Ozeane
aufbrechende Körper
Felder der Wunden / Äther
mystische Tiefen / Schwermut

ertrunken im Haarmeer
ertrunken in goldener Pracht
gelöst
bis in die Ewigkeit

III-Presto crudele

Sind gefolgt dem Duft
verschwunden
von meiner Haut
Webten Tücher über mich
weithin besät mit Kohlen
faltig dekoriert mit Narben
Fäden, vergoldet
_____ 
quartzharte Ozeane
aufbrechende Körper
Felder der Wunden / Äther


die anderen Tage werden nicht kommen
die anderen Tage werden verschlossen sein
die sterbenden Frauen hier dort
sehnendes Licht in einem nie gesehenen Weiss / die Sirenen
sangen für euch, damals
_____ 
Sind gefolgt
den vergoldeten Narben
der Haut
meine Lippe orange
von totem Kraut bedeckt
feuchtem totem Kraut
aschenem Kraut

die Haut schweißnass vom Lauf
das Wasser an den Füßen eisig
den Körper in eine schwere Wolle gewebt
der Mund danieder / versandet / verraucht
Nichtig die Zunge wo die Wellen verebben
_____ 
Sind gefolgt
den vergoldeten Narben
dünnfadig
hat bedeckt mich mit totem Kraut
aschenem Kraut
Kraut der Ertrunkenen

meine Ertrunkenen
die Taschen gefüllt mit Kieseln –von der Kindheit gebleicht
Kieseln mit Kreidegeschmack
die man ausstreut
ins Wasser
Himmel farblos zwischen euren Fingern
ockerfeucht

der Horizont überzieht mit endlosem Faden
der Horizont überzieht endlos
euer aschenes Meer

 

„Asche, Rückstand der Verbrennung“ im Besonderen „Überreste der auf dem Scheiterhaufen verbrannten“ daher „sterbliche Überreste“ und „den Flammen übergeben“

Historisches Wörterbuch der französischen Sprache


 

Pierre  Huyghe ON SITE, Übersetzung und Vorlektorat für den Wolf Verlag, Berlin 2012